Segeln Masuren ‘07

Wie versprochen ein “kurzer” Eintrag über unseren Segeltrip in (den?) Masuren. Für alle, die (wie ich) keine Ahnung von Erdkunde haben: Masuren ist eine malerische Seenlandschaft im Nordosten Polens an der Grenze zu Russland. Geologisch in etwa vergleichbar mit der meklenburgischen Seenplatte, nur daß die meisten Seen durch Kanäle verbunden sind. Geologie ist übrigens mein Fachgebiet…

Ich würde ja gerne mit einer Karte und weiteren Hintergrundinfos versorgen, jedoch scheitert Wikipedia an der großen Firewall und mit anderen Karten könnte ich Lizenzrechte verletzen (ich komme ja irgendwann wieder in westliche Gefilde und will keine Abmahnungen im Briefkasten finden). Also einfach los:

Das Boot:

Die Omega, ein stolzes Boot. Polnisches Fabrikat vom Typ “Tes 32 Dreamer”. Knapp 10 Meter und Raum für 8 Personen. Absolut keine Kritikpunkte… Die Crew:

Sophie, Martin und Justus und am Steuer:

Artur (Martins Vater)

Große Überraschung: Ich war auch mit von der Partie.

Der Heimathafen: Gyzicko. Größter Ort in Masuren. Dafür ist aber auch die Marina am dreckigsten.

Nächstes Ziel: Sztynort. Der Hafen liegt in einer großen Bucht, welche man nur durch einen Kanal erreichen kann. Sehr schöne Location aber leider deshalb auch total überrannt.
Nachdem ich um 4 Uhr morgens von den gegenüberliegenden Suffköppen geweckt wurde (Sarah Connor auf 120 db) hatte ich auch keine Lust mehr auf Fotos - besonders weil sich um halb 6 sogar einer auf unser Boot verirrt hatte. Die Truppe hat definitiv nicht nur getrunken und gekifft.

Wir beschlossen, für den nächsten Abend wild zu ankern.

Als wir bereits angelegt hatten wurden wir von einem Sturm überrascht und mußten nochmal unsere Position ändern. Etwas scary war es schon, weil wir die Sturmfront erst sahen, dann in den Baumgipfeln hörten bevor er uns wirklich erreichte. Dann war es auch schon vorbei und es nieselte nur noch.

Wir hatten keine Ahnung, daß der Sturm an anderen Stellen 150 Boote umgehauen hatte und daß 28 Leute vermisst wurden.

Wir aßen inzwischen Graupen unter Deck und warteten darauf, daß der Regen aufhört.

An Land tranken wir danach ~2 Bierchen. Das Phänomen, paradox betrunken zu sein, habe ich ja bereits in einem Madrid-Eintrag beschrieben.

Noch einige Artsy-Shots mit Martins neuer Kamera geschossen.

Leisure time…

Am nächsten Tag sahen wir dann, wie stark der Sturm in anderen Teilen gewütet hatte. Neben umgestürzten Baumstämmen sah man auch ab und zu Polizeitaucher und Medienteams von TVP.
Zurück in Gyzicko verabschiedeten wir Sophie und Artur und holten Palbo und Timm vom Bahnhof ab.

Groupshot.

Auf Wasser gibt es kein besseres Utensil zur Bierkülung als einen Tauchsack.

Nachdem man das ganze gekühlte Bier vernichtet hat gibt es nichts besseres als eine Rund Airhockey.

Am nächsten Tag ging es dann in den Süden.

Wild ankern kurz vor den Kanälen nach Mikolajki (NB: Den “lajki” Teil spricht man so aus wie “Wai” in “Waikiki”).
Ich muß mein Blog endlich mal auf UTF umstellen - das polnische l mit einem Strich durch verursacht momentan nur Zeichensalat.
Zum Wasser hin war die Location echt schön, aber die Anlegestelle war richtig grottig verschmutzt. Am Ufer formten sich Perimeter aus Müllsäcken, Scheiße und Binden. Außerdem gab es noch Brenesseln, Riesenmücken und man hatte mindestens 2 Frösche unterm Schuh. Kein Spaß, wenn man mal durchmußte.

Martin kämpft sich durch. Kurz danach brachen Timm, Pablo und ich auf, um das nächste Dorf und einen Supermarkt zu finden - uns fehlten sogenannte unelastische Güter. Es war eine absolut dumme Idee von mir, keine Kamera mitzunehmen. Nach dem Kampf durch Brennesseln, Mischfelder und Ackerwege erreichten wir einen kleinen Ort. Erstes Bild: Zwei sozialistische Wohneinheiten und ein Dutzend Hühner davor. Wir schafften es sogar, einen kleinen Laden zu finden, wo wir Brot, Wasser und Zigaretten kauften. Ich hatte die ganze Zeit Angst vor der imaginären Bürgerwache. So am Ende der Welt habe ich mich selten gefühlt, nichtmal in Sachsen Anhalt…

Ist es Italien? Spanien? Nein, wir sind in Mikolajki, Polen! Um Zweifel auszuräumen:

Man erkennt es zwar nicht, aber auf dem Schild vor der Kirche steht die lokale Frequenz für Radio Maria (102,6 MHz).

Die Fernsehteams hatten echt eine harte Aufgabe, weil Mikolajki zu dieser Jahreszeit ein einziger Rummelplatz für Touris mit Dauerbeschallung ist. Es berichtet sich einfach schlecht über Vermisste, wenn im Hintergrund das polnische Equivalent von “und die Hände zum Himmel” gegrölt wird. Immerhin half die Polizei, indem sie für die Kamerateams Manöver vorm Hafen fuhren.

Auf dem Weg nach Süden sahen wir einige Exoten auf Wasser am nächsten Tag. Zwischendurch rasten auch einige reiche Warschauer auf ihren gigantischen Speedbooten mit Sonnendeck durchs Wasser (inklusive Bikinigirls). Die waren nur leider zu schnell für irgendwelche Fotos bzw. man hatte kurz danach immer mit Wellengang zu kämpfen.

Wild ankern war mal wieder angesagt.

Etwas Team-Building…

Hier noch ein total unrelevantes Foto vom jungen Michael Stich mit Bart. Oder ist es doch Justus? Wer weiß… Habe ich eigentlich schon erwähnt, daß Justus Sonnencreme strikt ablehnt?

Eigentlich bin ich gar kein Student, sondern bin in der DotCom-Blase rechtzeitig ausgestiegen. Ich tu ja gerne so, aber manchmal verrät mich einfach mein Look…

Unser letztes Ziel hieß Ruciane Nida. Der Grund war denkbar trivial: Mein Großvater mußte 1937 dort im Rahmen seines Studiums einen dubiosen “Arbeitsdienst” verrichten und um ihm eine Freude zu machen fragte ich, ob wir nicht bis Ruciane fahren können, damit ich ein Paar Fotos schießen kann.

Im Dorf kauften wir erstmal etwas frisch geräucherten Lachs - eine gute Investition, wie sich herausstellen sollte.

Der alte Bahnhof - äußerst spannend. Der Rest der Stadt sieht aus wie Disneyland (Plastik und Leuchtreklamen). Da die Tour für meinen Großvater war, suchte ich Motive, welche er wiedererkennen könnte. Mittlerweile weiß ich, daß nach 70 Jahren gerade mal der Name hängen geblieben ist. Aber über die Bilder hat er sich trotzdem sehr gefreut…

Noch ein Stück sozialistischer Alltagskunst/Mangelwirtschaft: Zu Mülleimern umfunktionierte Propangasflaschen.

Schon etwas geschlaucht auf dem Rückweg… Meine Tasche riecht übriegens bis heute nach Räucherlachs. Aber es war es wert, denn dieser Lachs war einfach zu köstlich.

Auf dem Weg zurück nach Gyzicko wurden wir doch glatt wieder von noch einem Unwetter überrascht. Da wir alle Profis sind hatten wir sogar eine Regenjacke (eine!) an Bord. Timbo war so nett, uns ans nächste Ufer zu manövrieren. Leider kam bei der ganzen Hektik das eine Seil vom Ruder in die Schraube, was wir jedoch erst am nächsten morgen feststellten.

Hier sehen wir den dritten Versuch, ein neues Seil durch das Boot zum Ruder zu verlegen. Es war plötzlich relativ kalt geworden und Justus und Timm hatten im Wasser nach ca. 10 Minuten aufgegeben. Dieses Seil war absolut wichtig, weil man ohne es das Ruder nicht runterziehen kann und damit auch nicht steuern kann. Martin schaffte es am Ende, aber es dauerte ~20 Minuten.

Letztendlich konnten wir fahren, aber Martin war derart unterkühlt, daß er für die nächsten 4 Stunden in der Koje verschwand.

Am nächsten Tag am Bahnhof - das Wetter wurde immer kälter und somit fuhr man dann auch gerne wieder etwas Bahn. Vom Hauptbahnhof fährt man übrigens nur 10 Stunden bzw. andersherum auch nicht länger.

Up Next: Ein kleiner Technikartikel über 3G iPods und die Möglichkeit, diese mit einem gekappten Firewire-Kabel an eine Autobatterie anzuschließen. Danach wird Shanghai wieder ausgeleuchtet. Momentan liefern die Abende mit den Franzosen so einiges…

3 Antworten zu “Segeln Masuren ‘07”

  1. Raphael sagt:

    Hei Robert!

    Super, deine Blog-Einträge! Echt schade, dass wir diese Segelrunde verpasst haben… (Nachholen ist Pflicht!)

    Find ich schön, dass Du und der gute Martin regelmässig (”scharfes” hotty hot hot “s” gibts auf meiner Willy Tell-Tastatur leider nicht, exgüse) an die in der Normalität Hinterbliebenen Studenten denkt! - Hier hat seit gestern nämlich wieder der Unialltag Einzug gehalten und morgen erwartet mich meine Controlling-Vorlesungs-Premiere! Beneidenswert, nicht??

    Was bleibt unsereim (n?m? - 3 Feierabend-Bierchen sind definitiv zu viel…) bei dieser Einöde also anderes übrig, als irgendwelche Alternativen zu suchen, um das eigene Leben etwas aufzumotzen?!
    Im weltweiten Netz wurden wir fündig… Für schnäppige 525 Euro > Flug nach Shanghai… 15. - 25. November… Details müssen noch abgeklärt werden… und schon bald hat uns das spannende Leben wieder!! :-D

    Bis dann, trainiert schön Nintendo Wii (gibts da auch Squash??), geniesst das aufregende Shanghai und seit gegrüsst…

    Raphi

  2. Artur sagt:

    Hi Robert,
    ich habe mit viel Freude deinen blog gelesen. Die Erinnerungen wurden ploetzlich hell wach. Danke, fuer mich die Zeit am Boot mit Euch echt ein Erlebnis. Viel Spass in Shanghai.
    Artur

  3. Sascha sagt:

    als kategorischer blog rueckwaertsleser vermisse ich natuerlich den ipod 3g firewire autobatterie eintrag ;-)

    aber sonst ist tyskie unterm zywiec sonnenschirm immer ne super ansage

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