“Bonzenflughafen” Tempelhof

Ich möchte etwas weiter ausholen: Es gibt da ein Bundesland, welches so unglaublich schwer zu regieren ist, daß die sogenannten Volksparteien ein echtes Problem haben, ihre Ämter zu besetzen. Die CDU ging sogar soweit, einen erklärten Berlin-Gegner (in der Debatte um den Sitz der Bundesregierung) als ihren Spitzenkandidaten aufzustellen. Ich könnte jetzt noch anführen, daß er sich mit einer Unterhaltsklage gegen seine Ex-Frau nicht besonders viel Bonuspunkte gesammelt hat, aber auch so sollte klar sein, daß er auf der Sympathie-Skala kurz hinter Bin Laden rangiert. Dieser Mann heißt übrigens Dr. Friedbert Pflüger. Er bediehnt momentan ein Klientel, welches sich auf Zehlendorf-Steglitz einengen lässt. Genaugenommen ist das die Kapitulation der CDU in diesem Bundesland. Ich will gar nicht behaupten, daß die anderen Parteien in Berlin besser wären, aber Herr Dr. Pflüger ist ein wirkliches Symbol des Zustandes der Parteienlandschaft in Berlin. Sorry, aber das mußte mal raus…

Nach dieser Einleitung muß ich gestehen, daß ich in einer Sache mit Herrn Dr. Pflüger übereinstimme: Der Verhinderung der Schließung des Flughafens Tempelhof. Momentan hängen vor meiner Haustür lauter populistische Plakate mit in etwa folgender Botschaft: “Ick soll einen VIP-Flughafen bezahlen? Ohne mich!”. Das “ick” soll symbolisieren, daß es einer von uns ist, der das sagt. Und falls das nicht reicht trägt er auch noch einen Bauarbeiter-Helm in Signalgelb. Und wer sich nicht mit den Bauarbeitern solidarisieren will, findet auf der anderen Seite eine Frau mit Kind im Arm: “Flughafen für VIPs? Die wollen mich wohl auf den Arm nehmen!” (ich paraphrasiere - keine Lust, dafür nochmal runterzugehen und nachzulesen). Da mich diese Argumentation aufregt hier meine Gegenargumente:

Erstens: Der Flughafen Tempelhof ist kein “VIP-Flughafen”, wie ihn seine Gegner gerne bezeichnen. Es ist korrekt, daß er von gewissen Prominenten gerne in ihren Privatflugzeugen angesteuert wird, weil er relativ zentrumsnah liegt. Jedoch muß man auch sehen, daß Billigfluggesellschaften wie Ryanair angeboten haben, ihre Kapazitäten in Tempelhof auszubauen. Dies wurde von der Landesregierung immer abgelehnt.

Zweitens: Ok, warum landet Paris Hilton dann nicht in Schönefeld? Da kann sie gleich sehen, wie Berliner Politik in der Praxis aussieht. So einen piefigen Flughafen findet man selten in Europa. Der Flughafen soll ausgebaut werden, jedoch gibt es da ein Muster in Berlin:

    Tolles Konzept ausdenken
    Alles kaputtmachen, was dem Konzept im Weg steht
    Schritt 1 nicht verwirklichen

Daß der Ausbau Schönefelds an der Fortführung Tempelhofs scheitern kann, mag stimmen oder auch nicht. Trotzdem muß man sich bei dem jetzigen Zustand von Schönefeld doch fragen, ob ein weiterer Ausbau wirklich den erwünschten Effekt haben wird. Natürlich funktioniert ein Flughafen besser, wenn man alle anderen in der Region schließt. Daß dadurch mehr Menschen nach Berlin gezogen werden ist jedoch ein Fehlschluß. Es bedeutet eher, daß mehr Menschen ihren ersten Berlin-Besuch in der Pampa verbringen und sich mit dem dürftigen Angebot an Transportmöglichkeiten und Geschäften rumschlagen müssen (schon mal in Schönefeld versucht, stilvoll einen Reiseartikel zu kaufen oder zu essen? Es ist nicht möglich.). Man kann argumentieren, daß das alles kommen wird, aber momentan kann man nichtmal ein vernünftiges Buch dort kaufen.

Drittens: Das Bebauungskonzept für Tempelhof ist reiner Murks. Eine Mischung aus Gewerbe, Kunst und Wohnraum, die man sich in 3 Minuten ausdenken kann, welche jedoch in der Praxis nie funktionieren wird. Übernommen wird der größte Gebäudekomplex Europas von den Filmbetrieben Berlin Brandenburg, einem Studiobetreiber, der jetzt schon hart mit der Gewinnschwelle zu kämpfen hat. Vor rund 10 Jahren räumte ein Angestellter der Flughafengesellschaft mir gegenüber ein, daß die Mehrzahl der Räume auf dem Flughafengelände überhaupt nicht genutzt werden seit Kriegsende. Bei der Situation im Wohnmarkt kann ich mir nicht vorstellen, daß ein derartiges Angebot unter einem neuen Betreiber jemals rentabel sein wird. Ich glaube eher, daß der Komplex ungefähr wie McNair in Zehlendorf enden wird (Spielhallen und diverse Freizeitangebote einfacher Natur).

Soderle, ein wenig Wut von der Brust geschrieben.
Rund 200.000 Berliner haben in einem Volksbegehren ihr Interesse an dem Bestand des Flughafens bekundet. Am 27. April wird in einem Volksentscheid darüber abgestimmt, jedoch bindet er den Senat rechtlich nicht. Trotzdem möchte ich alle dazu auffordern, an der Abstimmung teilzunehmen. Der öffentliche Druck eines derartigen Votums ist nicht zu unterschätzen und weiterhin handelt es sich um den ersten Volksbescheid dieser Art in Berlin - ein kleines Zeichen, daß die Apathie selbst in Berlin gewisse Grenzen kennt.

Nachtrag: Ludwig schickte mir dieses Bild aus seinem persönlichen Fundus:
Kommentieren möchte ich es allerdings nicht - Dr. Pflüger ist ja eigentlich auf meiner Seite…

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