Silvester im Atomkraftwerk
Wieder ist ein Jahr vergangen und ich habe kaum etwas dokumentiert. Immerhin war ich am letzten Tag des Jahres mit Alex am Atomkraftwerk Stendal (liegt in Wirklichkeit nahe Altenzaun) und hab einige Bilder mit seiner Digitalkamera geschossen.

Kurz zum Hintergrund: So um ’78 begann die DDR den Bau eines Druckwasserreaktors sowjetischer Bauart (WWER-1000). Am Ende sollten 4 Reaktorblöcke insgesamt 4000 MW Leistung erbringen. Zur Wende war der erste Reaktor zu 85% fertig und das Projekt wurde eingemottet. Einerseits gab es Sicherheitsbedenken (aufgrund der Bauart und der Herkunft des Designs), andererseits war die Erinnerung an die Katasrophe von Tschnobyl noch recht frisch.
Das Kernkraftwerk war lange Zeit die größte Baustelle der DDR. Seit 1993 wird die Anlage abgerissen, was aufgrund der Größe und des eingesetzten Stahlbetons anscheinend nicht so einfach ist.

Jedenfalls schlichen wir ums umzäunte Gelände und fotografierten durch den Maschendraht. Auf dem Bild oben kann man recht gut erkennen, daß die Kuppel – das sogenannte Containment – mittlerweile zur Hälfte offen ist. Das runde Ding scheint der Steuerstabsantrieb zu sein, aber ich bin mir nicht ganz sicher, da das Schema auf Wikipedia sich nicht ganz mit dem eigentlichen Aufbau deckt.
Im Hintergrund sieht man einen Schornstein von Europas größtem Zellstoffwerk, welches 2004 fertiggestellt wurde.

Einige aufgeschreckte Rehe, die erst nicht planten, daß sie genau auf uns zurennen.

Auf der Nordseite fielen uns größere Löcher im Zaun auf. Irgendwann konnte man ihn nur noch erahnen. Eigentlich wollten wir nur Bilder von der Kuppel machen, aber dann juckte es mich doch, das Gebäude von innen zu sehen.

Einer von vermutlich vier Fahrstuhlschächten.

Marode Räume. Vieles davon habe ich selbst erst auf den Fotos gesehen, da es stockdunkel war. Weil es Löcher im Boden gab, bewegte ich mich nur in Bereichen, wo man diese noch erahnen konnte. Als wir aufbrachen war es nicht absehbar, daß eine Taschenlampe äußerst wertvoll gewesen wäre – ich ging davon aus, daß das Gelände umzäunt und gut bewacht ist.

Der verrostete Boden knarzte für meinen Geschmack zu laut. Nach einem Schritt begnügte ich mich mit einem Foto und ging zurück.

Noch so ein unfertiger und schon wieder kaputter Gang.

Ich vermute, daß durch diesen Raum Kabelstränge laufen sollten.

Dieser Flur war mir definitiv zu dunkel. Selbst der Blitz reicht nicht bis ans Ende.
Rückblickend kann ich mir richtig gut vorstellen, wie ich blind da langlaufe und mich an jedem Betonquader schön hinpacke. Zum Glück habe ich es nicht versucht.

Das Design ist strikt symetrisch – auch auf der anderen Seite des Quaders findet sich ein Raum für Kabelschächte (falls es welche sind).

Auf der Westseite fand ich noch einen Eingang, den ich mir anschauen wollte.

Das ist eine Aussparung im Containment, durch die vermutlich mal ein Rohr vom sekundären Kühlkreislauf laufen sollte. Da sich die Elbe durch die thermische Leistung von rund 12 GW überhitzt hätte, waren 8 Kühltürme und einige Abklingbecken vorgesehen.
Den Grundriss der Kühltürme (2 gesprengt, 2 nie gebaut) und der Reaktoren (Reaktor 1 östlich) sieht man hier recht gut (solange Google die Bilder nicht aktualisiert).

Noch ein Bild von Nordosten. Die Sonne war schon wieder fast verschwunden.

Auf dem Rückwege machten wir noch einige Bilder im Schatten des Zellstoffwerkes.
Diese Bilder (und noch einige mehr) kann man hier in höherer Qualität runterladen.
Tags: AKW Stendal, Elbe
25. Februar 2009 um 13:11
[...] entlang: erster Besuch und zweiter [...]
30. Mai 2009 um 13:18
tolle tour über das gelände des kraftwerkes.
eine frage steht es noch? es soll bis 2010 abgerissen sein, komme aus dem raum frankfurt, würde zu gerne einmal eine kleine fototour durch das kraftwerk machen, da ich ein hobbiefotograf bin.
ist es zudem noch stark bewacht, oder auf irgendeine art eingezäunt ?
grüße
30. Mai 2009 um 18:39
Hallo Patrick,
es freut mich, daß dir mein Eintrag gefallen hat. Hab übrigens noch einen dritten Besuch mit einer relativ guten Analogkamera gemacht. Werde das sicher noch online stellen.
Zu deiner Frage: Ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, daß die Abrissarbeiten 2010 abgeschlossen werden. Wird auch von vielen bezweifelt, die teils noch vor der Wende dort gearbeitet haben. Allerdings sehe ich bei jedem Besuch, daß wieder ein Teil fehlt. Besonders der interessante Bereich innerhalb der Kuppel wird sicher nicht mehr lange begehbar sein. Ich würde mich an deiner Stelle also beeilen.
Das Gelände ist sehr schwach bewacht und es gibt einen Eingang, der von der Wachstation aus nicht einsehbar ist. Sieht man auf den Bildern eigentlich ganz gut.
Gruß
-Robert
31. Mai 2009 um 12:27
hallo robert,
vielen dank für die schnelle und informationsreiche antwort, gerne werde ich auf den angebot zurückkommen, ich selbst bin aus dem raum frankfurt d.h. es ist schon eine ziemlich weite “reise” dorthin.
werde mir warscheinlich hier auch mal einen blog erstellen, mit fotos etc. speziell industriefotografie.
liebe grüße.
13. Oktober 2010 um 10:10
Hi,
erstmal muss ich sagen das dass echt schöne Aufnahmen sind !
Ich würde gerne wissen wie der Stand jetzt ist, also Oktober 2010.
Kommt mann noch rein, steht noch etwas, ist es lohnenswert ?
Ich würde mich freuen wenn ich schnell eine Antwort bekomme
da ich vor habe es möglichst bald zu besuchen.
Gruß aus Hannover
Nicolai
13. Oktober 2010 um 10:29
Hallo Nicolai,
ich vermute, daß noch zwei Stockwerke teilweise begehbar sind (Keller ist eh geflutet). Die Kuppel und ein großer Teil der oberen Stockwerke sind bereits verschwunden (Stand ca. August ’10).
Falls ich in nächster Zeit dort vorbeikomme werde ich ein Foto hier einstellen.
Genauere Informationen kann ich leider von Berlin aus nicht liefern.
Ich bin jedenfalls eher skeptisch, daß sich eine Fahrt dorthin noch lohnen wird. Ist natürlich abhängig davon, was dich an diesem Industriekomplex interessiert.
Gruß
-Robert
13. Oktober 2010 um 12:17
Danke für die schnelle Antwort.
Ich glaub das es sich dann wirklich nicht lohnt.
Aber trotzdem vielen Dank.
Gruß
Nicolai
12. Dezember 2010 um 03:24
hallo erstmal. ich komme aus lüderitz das in etwa 30 kilometer von arneburg entfernt und somit hatte ich die gelegenheit mir das besagte objekt mehrmals anzuschauen.ich kenne das kkw noch vor den intensieven versuchen es zurück zu bauen und kann daher auch viel daruber berichten.ich könnte hier locker einen text mit mehreren seiten füllen und ich habe auch noch genug bilder die das beweisen was ich berichten könnte…
aber darum geht es mir hier nicht was ich mitteilen möchte ist das es sich bei dem projekt um den reaktor typWWER-1000/320handelt,welcher der baugleiche typ ist der 1986 in tschnobyl explodiert ist und was das angerichtet hat sollten doch viele wissen.
man muß dazu sagen das es zu ddr zeiten der größte arbeitgeber der region war nur durch diese projekt wurde ein ganzer stadtteil neu gebaut(stendal süd)und viele leute glaubten das es eine gute sache ist wofür sie alle arbeiten.GOTT sie dank wurde es nie fertig gestellt.wer noch mehr darüber wissen möchte kann mir gern unter Ronny.Leuschner@gmx.de schreiben.
14. Dezember 2010 um 15:51
Hallo Ronny,
danke für die ganzen Infos. Ich melde mich bei Gelegenheit mal mit einigen Fragen, wenn ich wieder Luft für solche Projekte habe.
Ich bin häufiger in der Gegend (Sandauerholz) und bin natürlich auch ganz froh, daß das KKW nie in Betrieb gegangen ist. Auch die Diskussion um das Kohlekraftwerk verfolgen ich mit Sorge. Würde zwar viele Arbeitsplätze schaffen, aber ich komme gerade wegen der Abgelegenheit in die Region.
Mir wurde in der Gegend schon oft erzählt, daß die Reaktoren Baugleich mit Tschernobyl sein sollen, obwohl Tschernobyl schon äußerlich ganz anders aussieht. Der Reaktortyp des Unfallreaktors war ein graphitmoderierter RBMK-1000. Die WWER sind hingegen wassermoderiert und mit einem Containment ausgestattet (die Kuppel). Eigentlich waren das ziemlich fortschrittliche Designs für die Zeit und das System. Es ist trotzdem gut, daß sie nie in Betrieb gegangen sind.
Liebe Grüße
-Robert
16. März 2011 um 07:34
Hallo.
Da werden erinnerungen wach..
als ich 1988 bei der NVA war haben wir mehrere nonate in diesem KKW gearbeitet. also verschiedenen kleinarbeiten. auf der Kuppel durften wir auch tüchtig mit helfen. stahl säubern und aussaugen der betonteile.
vielleicht kennt hier jemand zufällig einen der auch zu diesem zeitpunkt bei der NVA dort gewesen ist. muss die zeit um 1988 gewesen sein. wir wohnten damals in einer kleinen baracke.
gruß aus leipzig
Jörg